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Nach der letzten Kolumne äusserten sich einige Leute zu den
gesponsorten Schweizer Fahnen. Jemand meinte, der Satz «Die CVP wirbt
mit einem manipulierten Bild von Fussballfans für ein Ja zum
Osthilfegesetz» müsste heissen «Die CVP wirbt mit einem manipulierten
Bild von manipulierten Fussballfans für ein Ja zum Osthilfegesetz».
Jemand anderes ging noch weiter und schlug vor: «Die CVP wirbt mit
einem manipulierten Bild von manipulierten Menschen, die sich zwei
Stunden lang aufführen, als wären sie Fussballfans, für ein Ja zum
Osthilfegesetz». Es ist ein schöner Zug der deutschen Sprache, dass sie
solche Ergänzungen bis ins Unendliche zulässt. Und ich unterstütze die
beiden Änderungsvorschläge. Nach dem Länderspiel gegen Brasilien bin
ich geneigt zu sagen: vor allem den zweiten.
«Weggis zu Gast in Basel», hiess das Motto der Begegnung im ausgebauten
St. Jakob-Park. Lässige Leute aus allen Landesteilen waren gekommen,
wie damals im Frühsommer am Vierwaldstättersee. Und wie damals waren
sie bereit, tief in die Tasche zu greifen. Der SFV und die Schweizer
Sportmedien hatten Spektakel versprochen. Sie konnten ihr Versprechen
nicht halten. Das Spiel geriet zur Katastrophe. Die Brasilianer
kümmerte es wie so oft wenig, dass man von ihnen Sambafussball
erwartete, denn was Sambafussball ist, wissen nur wir hier in Europa.
Die Brasilianer möchten einfach ihre Spiele gewinnen, so wie alle
Mannschaften dieser Welt, und sie verfolgen ihr Ziel mit den Mitteln,
die ihnen gerade zur Verfügung stehen. Aus der Hüfte kommt das immer
seltener.
Die lässigen Leute im St. Jakob-Park wurden nun leider gleich doppelt
enttäuscht. Denn auch die Schweizer Nati ist nicht mehr das, was sie
vor kurzem noch war. Sie muss nun bis Juni 2008 kein Spiel mehr
gewinnen, das schafft Platz für Hahnenkämpfe und sieht unansehnlich
aus. Als Torhüter Pascal Zuberbühler irgendwann in der ersten Hälfte
auf frivole Art einen Gegentreffer verschuldete, hatten die
Sponsorenfahnenschwinger endlich eine Projektionsfläche für ihren
Unmut: Zubi raus.
Zubi ist nicht Zoff. Aber Zubi hütete während Jahren das Tor von GC,
dem FCB und der Nati. Wenn er wirklich so schlecht ist, wie er jetzt
gemacht wird und wie seine missratenen Auslandeinsätze nahe legen, so
heisst das vor allem etwas: Die andern sind noch schlechter. Der FCB
hätte sich in seiner Champions-League-Umnachtung sofort einen besseren
Schweizer Hüter geholt, gäbe es denn einen. Fabio Coltorti? Im Cupspiel
gegen YF Juventus führte GC mit 4:0, ehe der
Challenge-League-Schwanzklub noch dreimal traf und den Ausgleich nur
wegen eines knappen Abseits verpasste. Beim ersten Tor schlug Coltorti
über den Ball, die zwei andern landeten in der kurzen Ecke. Dino
Benaglio? Wer kann glaubhaft versichern, ihn schon oft genug spielen
gesehen zu haben beziehungsweise das Niveau der portugiesischen Liga
fundiert einschätzen zu können?
Zubi ist ein Opfer eines Event-Mobs, der zahlt, um unterhalten zu
werden, und wird er nicht unterhalten, rastet er aus. Als der FCB im
Frühjahr bei YB 2:4 verlor und damit dem FCZ erst jenes denkwürdige
Meisterschaftsfinale ermöglichte, sah Zubi wieder einmal nicht gut aus.
Er begleitete einen Freistossball Hakan Yakins streichelnd ins
Lattenkreuz. In der Pause auf dem Pissoir winselte ein stark
betrunkener Basler Anhänger ein ergreifendes Klagelied auf den eigenen
Goalie: «Es wird nie was mit ihm». Das war auch eine Zubi-Kritik. Aber
sie war leise, verzweifelt, von Herzen. Sie war typisch für einen
Klub-Fan. Die Baslerinnen und Basler haben viel gelitten mit ihrem
Schlussmann, trotzdem gehörte er immer und entschieden zu ihnen.
Ähnlich wars mit Pascolo beim FCZ. Was stand den Leuten das Herz still.
Aber Pascolo war ihr Torhüter. Damit hatten sie zu leben.
Der klassische Fussballfan ist ein Anachronismus. Er trägt seit Jahren
den selben Schal, statt sich jedes Jahr den neuen offiziellen zu
kaufen. Er will lieber stehen für fünfzehn statt sitzen für fünfzig
Franken. Er will nicht jede Saison 22 neue Spielernamen auswendig
lernen. Er will am liebsten Stillstand, mindestens aber Kontinuität und
Vertrautheit. Dafür ist er bereit, etwas zu geben: Geduld. Der lässige
Sponsorenfahnenfan mit Weggiserfahrung hingegen ist der Fan von heute.
Er kauft alles, was sie ihm anbieten, und wirft es schnell wieder weg.
Auch wenns der eigene Goalie ist. Der Fan von heute konsumiert,
Bo-Katzmann-Chor, Spacedream, Schweiz-Brasilien, Hauptsache mega. Das
sieht man gern, in Muri bei Bern. Und dass der Fan von heute keine
Leuchtfackeln reinschmuggelt, das sieht man noch lieber.
Pascal Claude
WoZ vom 23.11.2006
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