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Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen erhalte ich jedes Jahr zu
Weihnachten von der Fifa eine Neujahrskarte. Diesmal stand drauf: «2006
- Make the world a better place». Während andere sich etwas vornehmen
fürs neue Jahr, blickt die Fifa zurück aufs alte. Würde ich vielleicht
auch, wenn ich von mir sagen könnte, die Welt verbessert zu haben.
Unterschrieben ist die Karte von Joseph S. Blatter, President, und Urs
Linsi, General Secretary. Pfundskerle. Die tun was!
Sepp Blatter ist mir diesen Herbst begegnet. Wir hatten eben Platz
genommen in diesem guten, kleinen Restaurant in Chisinau, Moldawien,
vier Männer an Hackbrett, Klarinette, Geige und Akkordeon spielten sehr
gute Musik, da blickte ich hoch zur Wand, und da war er. Eingerahmt und
hinter Glas stand er am besten Tisch des Lokals, stiess genüsslich den
Rauch einer Zigarette oder Zigarre aus, versuchte sich gar in einem
Rauchringlein, und seine Stirn und Wangen leuchteten rot. Der Wirt
stand neben ihm, stolz und glücklich über den prominenten Gast, und am
Tisch sass Guido Tognoni, damals Blatters rechte Hand, und blickte
bewundernd zu seinem Chef hoch. Ein Bild der Freude, der
Ausgelassenheit. Sepp in Moldawien. Wer die Welt verbessert, kann auch
mal eine rauchen, zwischendurch.
Zwei Tage vorher waren wir mit Nicoletta und Oleg, einem Paar aus
Chisinau, am EM-Qualifikationsspiel Moldawien-Bosnien. Ein gutes Spiel,
2:2, Moldawiens erster Punkt. In der Pause auf der Toilette stand ich
neben einem Mann in roter Wintersportjacke. Als er ging, las ich auf
seinem Rücken «Ski- und Snowboardschule Lenk». Die Texaid-Sektion Bern
erfüllt ihre Pflicht gewissenhaft. Nach dem Schlusspfiff führten uns
die Einheimischen aus, zu Bier, Auberginen und Käse, und erklärten uns
den moldawischen Fussball.
Moldawien, einst Sowjetrepublik, steckt seit der Unabhängigkeit in
Sezessionswirren. Die Teilrepublik Transnistrien hat sich abgespalten,
fährt einen ultrakommunistischen Kurs, der ultrakapitalistische Blüten
treibt, und geniesst den Feuerschutz Russlands. Transnistriens
Wirtschaft wird vom russischen Smirnoff-Clan kontrolliert, dessen Firma
- Sheriff - sich so ziemlich alles unter den Nagel gerissen hat, was
Geld und Ruhm verspricht. Sheriff heissen die Tankstellen, Sheriff
heisst der Supermarkt, Sheriff heisst der Fussballklub, Sheriff heisst
das Stadion (wer es fotografieren will, braucht die Bewilligung des
Direktors, wer die Bewilligung des Direktors will, einen Termin). Der
FC Sheriff spielt, aus Mangel an ernst zu nehmender transnistrischer
Konkurrenz, in Moldawiens Liga und ist Serienmeister. Dem Moldawischen
Verband waren lange die Hände gebunden. Weil das Nationalstadion in
Chisinau zwar wunderschön, aber nach Fifa-Richtlinien veraltet ist,
mussten die Spiele des Nationalteams im modernen Sheriff-Stadion in
Tiraspol ausgetragen werden. Im Gegenzug machte sich der FC Sheriff in
der Liga des verhassten Moldawien breit.
Erst seit April 2006 steht nun auch in der Hauptstadt Chisinau ein
Stadion nach Fifa-Norm. Es könnte überall in Europa stehen, wären da
nicht die Wohnsilos sowjetischer Prägung, von deren Fenstern aus die
Bewohner einen tadellosen Blick aufs Geschehen haben. Oleg und
Nicoletta zuckten mit den Schultern auf die Frage, wie es weitergeht.
Der Fussball ist nicht Moldawiens zentrales Anliegen. Viel schwerer
wiegt Russlands Importstopp für moldawischen Wein, angeblich aufgrund
hygienischer Mängel, tatsächlich aber ein Druckmittel in der
Transnistrienfrage. Das nationale Weinfest, das am Tag des Länderspiels
stattfand, sei diesmal eine triste Angelegenheit, meinte Oleg.
Verkaufen könne ja sowieso keiner was. Dem versuchten wir
entgegenzuwirken, so lange wir dort waren, und kauften von den besten
Tropfen viele Flaschen. Es half aber natürlich nichts.
Die Zeitung «Sport plus» berichtete am Tag nach dem Spiel, der FC
Sheriff ziehe seine Spieler nun aus dem Nationalteam ab. Die Gründe:
schleierhaft. Russland lockerte einige Wochen später die
Importbestimmungen auf moldawische Agrarprodukte, doch die Drohung
bleibt.
Sepp Blatter hat es nicht gerne, wenn die Politik in den Fussball
greift, dann wird er ranzig. Das mussten die Türkei, Iran und
Griechenland in diesem Jahr erfahren, und sicher waren sie dankbar für
die Zurechtweisung, denn schliesslich verbesserte es die Welt. Den
moldawischen Fussball berührt die Politik nicht. Der moldawische
Fussball ist Politik. Das hat Sepp vielleicht noch nicht gemerkt,
obwohl er da war, in Moldawien, in diesem Restaurant. Was auch immer er
da geraucht hat.
Pascal Claude
WoZ vom 21.12.2006
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