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Im Sportbund der «SonntagsZeitung», der von der Sportredaktion des
«Tages-Anzeigers» betreut wird und deshalb selten überrascht, war am
Sonntag etwas Überraschendes zu lesen. In einem Kommentar zur
aussergewöhnlichen dreizehnten Runde der Super League, in der die sechs
Ersten der Liga aufeinandertrafen und der jeweils schlechter klassierte
Klub gewann, in diesem Kommentar also war zu lesen, die Spannung in der
Super League sei «perfekt für die EM 2008» (für unsere Leserinnen und
Leser aus dem Ausland: Mit Super League ist einfach die höchste
Schweizer Spielklasse gemeint).
Es ist nicht ganz klar, was die Schweizer Super League mit der
Europameisterschaft zu tun hat. Oder inwiefern die hiesige Liga
geeignet ist, für das in zwei Jahren stattfindende Turnier Feuer zu
entfachen. Die Fans in den Kurven, die nicht ganz unwesentlich dazu
beitragen, dass es gegenwärtig eine Freude ist, ins Stadion zu gehen,
nehmen die EM vor allem als Argument wahr, mit dem ihnen die neusten
Bevormundungsmassnahmen schmackhaft gemacht werden sollen. So wird ab
1. Januar 2007 zum heiteren Fanfichieren geblasen, gesetzlich verankert
im neuen Hooligangesetz, das ohne Damoklesschwert Euro 08 kaum oder
kaum so reibungslos zustande gekommen wäre. In Basel wird das Joggeli
um 10000 Plätze erweitert, obwohl die bestehenden 30000 mittlerweile
nur noch zu zwei Dritteln benötigt werden. Und im neuen Letzigrund wird
man das mit den Stehplätzen vorerst bleiben lassen; was nach der EM
ist, wird sich zeigen.
Der Kommentierende der «SonntagsZeitung» lässt in seinem kurzen Text
Krassimir Balakov, Trainer des Grasshopper Clubs, zu Wort kommen, der
die Sache präzisiert: «Was jetzt läuft, ist perfekt für die Stimmung im
Land vor der EM.» Als hätte jemand mit einem Stabilo Boss den Raum
zwischen den Zeilen neongelb gefärbt, lesen wir sofort die versteckte
Botschaft: Die Stimmung im Land vor der EM ist noch nicht gut genug! Im
Gegenteil, sie ist eigentlich sehr schlecht! Wir erwarten führende
Fussballnationen (zurzeit haben unter anderem Serbien, Finnland,
Schottland, die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Dänemark, Kroatien,
Mazedonien, Israel und Nordirland gute Karten), sind Koveranstalter des
drittgrössten Sportanlasses der Welt, wissen aber nichts Gescheiteres,
als über Sicherheitskosten Marketingrechte und die Quellensteuer zu
diskutieren. Wieso diese Miesmacherei? Wo bleibt der alles ausblendende
Vorfreudentaumel?
Es ist jetzt November. Das Jahr hat uns seine letzten schönen Tage
geschenkt, seine letzten wärmenden Sonnenstrahlen und in den schönsten
Farben leuchtende Bäume. Es ist eine schöne Zeit, um eine Woche in den
Luftschutzkeller zu gehen, in den Zivilschutz WK 11 Zusatzkurs Betreu
San. Es ist schön, sich gegenseitig die Zähne zu putzen, die Arme zu
waschen und Erwachsenenwindeln überzustreifen. Und es ist sehr
interessant, wenn der Instruktor beim Referieren über Streetparade,
Züri-Fäscht und andere Zivilschutz-relevante Themen plötzlich bei der
EM landet. Und sich ins Feuer redet. «Es ist ganz klar gesetzlich
geregelt, dass der Zivilschutz für Anlässe, die ausschliesslich
gewinnorientiert sind, nicht aufgeboten werden kann», zischt der Mann,
«und die Uefa kommt hierher mit dem Ziel, mehr als eine Milliarde zu
verdienen.» Wir stehen da mit frisch geputzten Zähnen und staunen. «Und
die zehn Millionen, die man uns weismachen will als Kosten für die
15000 Soldaten, die während des Turniers im Einsatz stehen werden? Da
lache ich! Allein die Erwerbsersatzordnung macht für diese Anzahl
Männer und diese Einsatzzeit 90 Millionen aus. Es wundert mich gar
nicht, dass da gewisse Leute langsam kalte Füsse kriegen, wenn es darum
geht, die Verträge zu unterschreiben.» Und dann das Schlussfurioso zur
Quellensteuer: «Die Schweiz ist nicht Deutschland, meine Herren! Es
darf in diesem Land nicht zweierlei Recht geben!»
Mein Zivilschutzinstruktor, das scheint mir an dieser Stelle wichtig,
steht in keinster Art und Weise im Verdacht, Zyniker, Kabarettist,
Hooligan oder linksgrüner Stadiongegner aus dem Hardturmquartier zu
sein. Er ist ernsthaft, pflichtbewusst und vaterlandsliebend. Dass
einer wie er der EM 2008 mit solcher Skepsis begegnet, kann nur einen
Grund haben: Es läuft etwas schief.
Pascal Claude
WoZ vom 02.11.2006
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