
Der englische «Guardian» pflegt auf seiner Online-Fussballseite eine
sehr sinnlose und sehr schöne Rubrik namens «The Knowledge». Hier
sammelt sich das unnütze Wissen von Britanniens und oft auch Europas
Fussballgemeinde. Leserinnen und Leser senden der Redaktion Fragen,
Leserinnen und Leser antworten. Vor einiger Zeit war einem Fussballfan
aus Cardiff während der Partie Wales - Russland aufgefallen, dass die
im Fernsehen eingeblendeten Abkürzungen WAL-RUS zusammen ein Tier
ergeben, das englische Walross. Er fragte nun via «The Knowledge», ob
jemand noch weitere Beispiele für Tiernamen kenne, die sich aus den
Abkürzungen von Länderspielgegnern ergeben. Und bekam tatsächlich eine
Antwort: «Sollten Belgien und Uganda je gegeneinander antreten, hätten
wir den BEL-UGA».
Aktuell wird in «The Knowledge» die Frage behandelt, ob Fussballfan zu
sein gesundheitsschädigend ist. Vom fragenden Iren und den Antwortenden
werden diverse seriöse Studien zitiert, die allesamt zum Ergebnis
kommen: Ja - zumindest auf die Dauer. In den Regionen
Newcastle/Sunderland und Leeds wurde nach Niederlagen des Heimteams
eine deutliche Zunahme von Herzattacken festgestellt. In Florenz kommt
es nach Niederlagen der Fiorentina zu einer signifikanten Häufung von
Magenbeschwerden, betroffen sind grösstenteils Männer. Nach dem
WM-Finale 1994 zwischen Italien und Brasilien stiegen die
Testosteronwerte der Brasilianer um 20 Prozent, während jene der
italienischen Anhänger um den gleichen Wert sanken. Ein englischer Arzt
hat festgestellt, Fussball zu schauen schade den Augen.
Nachdem ich all dies erfahren hatte, freute ich mich über die
Schlagzeile in der Sonntagspresse, wonach man Fussballfans in der
Schweiz fortan Hausbesuche abstatten will. Doch dann malte die
Druckerschwärze dunkle Wolken an den Himmel. Es geht gar nicht um die
Gesundheit der Fans. Und es werden auch keine Ärztinnen und Ärzte sein,
die plötzlich vor der Tür stehen, zuhause oder am Arbeitsort. Sondern
die Polizei.
In Deutschland, so ist zu lesen, hätte man sehr gute Erfahrungen
gemacht mit der «Gefährdeansprache», wie es im Fachjargon heisst.
Polizisten in Zivil besuchen Fussballfans, die in einer zentralen Datei
gespeichert sind, und sagen ihnen vor ihren Eltern, Ehefrauen, Kindern
oder ArbeitgeberInnen: «Hallo Hans. Wir kennen dich. Pass auf, was du
tust an der WM.» Das will man in der Schweiz nun auch tun auf die Euro
2008 hin, jetzt, wo man mit der HOOGAN-Datenbank das nötige Instrument
dazu hat.
In einer der schätzungsweise 134 Reportagen zum Thema Sicherheit im
Vorfeld der WM 2006 begleitete ein Team der ARD zwei Berliner
Polizisten auf einen solchen Hausbesuch. «Hallo Heiko. Wir kennen dich,
du weisst schon. Bleib zuhause an der WM.» Heiko nickte. Als die
Polizisten weg waren, fragten die Reporter nach. «Auf keinen Fall bleib
ich zuhause. So was wie ’ne WM vor der Haustür lass ich mir nicht
entgehen», sagte Heiko. Und seine Frau: «Was solls. Heiko ist nun mal
Hooligan, das ist sein Hobby. Das kann ich ihm nicht verbieten.»
Nebenan spielte der Sohn.
Klar, Heiko hatte vielleicht wirklich was vor im letzten Sommer. Und so
eine Reportage ist nicht repräsentativ. Dennoch irritiert der
euphorische Ton, den Martin Jäggi, Schweizer Sicherheitschef der Euro
2008, anschlägt. Solche Hausbesuche erinnerten an den Pranger, gab der
Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür auf Radio DRS zu
bedenken, so was sei in der Schweizer Rechtssprechung nicht vorgesehen.
Ausserdem ist noch vollkommen offen, wer hierzulande in die Datenbank
aufgenommen wird und also für Hausbesuche in Frage kommt: «Hallo Jürg,
wir kennen dich, du bist registriert. Wir wissen, was du getan hast, tu
das an der EM besser nicht noch mal», heisst es dann vielleicht an
einer Haustür in Bern. «Aber ich habe doch nur Schneebälle aufs Feld
geworfen, damals im Espenmoos. Und die EM ist im Sommer», sagt dann
Jürg. Und es muss nicht einmal ein Witz sein.
Die EM 2008 dient seit fünf Jahren als Katalysator einer repressiven
Vorwärtsstrategie, die das WEF vor Neid erblassen lassen könnte.
Plötzlich ist alles möglich, alles erlaubt, alles nötig. Damit sich die
Uefa mit Sitz im schönen Nyon ordentlich die Kassen füllen kann, biegen
wir unser Rechtssystem im Wochentakt zurecht. Sportminister Schmid, der
mal drei Champions-League-Heimspiele lang Thun-Fan war, feiert derweil
Geburtstag. Fussballfan zu sein kostet Nerven dieser Tage, und ein
bisschen schmerzt es auch. Bloss: Die Hausbesuche werden kaum von der
Krankenkasse übernommen. Da blättert einmal mehr die Steuerzahlerin.
Oder der Steuerzahler.
Pascal Claude
WoZ vom 11.01.2007