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Die Kurve feiert sich selbst
Die Fan-Choreografien im Fussball spiegeln den Witz und den Charme der Kurve. Auch dort ist der Wettkampf in vollem Gange. Von Christian Bürge

Geschlagene zweieinhalb Stunden haben die Basler Anhänger in der Kälte der Muttenzer Kurve gewartet. Jetzt wird das Geheimnis gelüftet, wird der Kilt hochgezogen. Ein paar hundert Quadratmeter schottischer Flickenteppich wandern auf Händen über tausend Köpfe. Der «Vogel Gryff» krallt sich in der Mitte fest. Darüber prangt ein Schriftzug: «Brave enough to break hearts». Ein doppelter Scherz. Mutig genug, Heart of Midlothian in die Knie zu zwingen und gleichzeitig deren Herzen zu brechen. 60 Sekunden Stolz auf tagelange Arbeit. Der Auftakt ist verheissungsvoll, ein Zeichen gesetzt.

Wie Ende Mai, als Basel sich anschickte, mit dem Spiel gegen YB die Meisterfeier zu zelebrieren. Ein Stadion im Taumel, bedeckt mit Vereinsfarben, Schriftzügen, überdimensionalen Filmstreifen. Eine Choreografie, 300 Meter lang, 13 Meter hoch. In unzähligen Stunden am Feierabend in Kellern, Fabrikhallen und leeren Autogaragen gefertigt. 10 000 Franken teuer, aber eigentlich unbezahlbar.

Die Fans feiern sich selbst. Manchmal mit bitterbösen Parolen, manchmal witzig. Die Kurve im Dunstkreis von Rauchpetarden und Tränengas, blutig geschlagenen Nasen und fliegenden Flaschen. Das ist die eine Wirklichkeit. Gleichzeitig aber gibt es zwischen Ball und Bier neuerdings einen Wettkampf der Farben. Seit einiger Zeit bieten die Anhänger in Schweizer Stadien ein immer grelleres Spektakel - und selbst die Haupttribüne applaudiert.

Piraterie im Kommen

Wer in der Kurve ein Spruchband prominent placieren darf, der gilt etwas. Wie Stephan. Keiner geht an ihm vorbei, ohne ihm die Hand zu schütteln. Der 24-Jährige gehört zum Dachverband der Muttenzer Kurve. Er hat in den letzten Jahren kaum ein Spiel verpasst. Nicht in Thun, nicht in Moskau. Stephan weiss, wer wo seine Spruchbänder placieren darf. «Inferno stellt die grösste Gruppe, ihrer Zaunfahne gehört der beste Platz in der Mitte. Die Hierarchie geht von der Mitte nach aussen. Auch im zweiten Rang ist geklärt, wer seine Fahne wo aufhängt.»

Seit Basel in der Champions League für Furore gesorgt hat, ist der Zuspruch gewachsen. An Zuschauern, an Fans, an «Event-Fans» auch, wie Stephan sie nennt. Solche, die nicht nur wegen des Fussballs kommen, sondern um zu sehen, welchen Zirkus die Anhänger zelebrieren. 50 Franken Jahresbeitrag bezahlen Mitglieder der Kurve. Davon wird der grösste Teil ihrer Aktionen bezahlt. Investiert wird in Farbe, Leintuch, Papier, Plastic, Kleber, Spray, Stöcke oder Draht. Der Bastel-Kitt zwischen Espenmoos und Stade de Genève. Und wer macht die besten Choreografien? «Wir natürlich», sagt Stephan. Und sonst? «Ja, die vom FCZ sind sehr gut, sehr schön. Aber irgendwie zu künstlich. Es kommt ideenlos und kommerziell rüber. Die Bilder sind einfach perfekte Zeichnungen.»

Der Wettkampf ist in vollem Gang. «Jedi Serie gaht mal z' Änd» wurde im Letzigrund vor dem Derby gegen GC auf einem Spruchband prophezeit, dazu wurden gewaltige Bilder der TV- Serien «Baywatch», «Knight Rider» oder «A-Team» ins Tribünendach gezogen. Der Scherz wirkte - und hatte den gewünschten Effekt. Der FCZ gewann 2:0 gegen die Grasshoppers. Ein anderes Mal wurde ein überdimensionaler FCZ-Fan hinter riesige Gitterstäbe verbannt und mit dem Spruchband- Zusatz «Läbenslänglich» versehen.

Um die Südkurve ist ein richtiger Hype entstanden. Jeder will dabei sein. Etwas dazu sagen mag aber kaum einer. «Redl», so nennt sich einer der kreativen FCZ-Köpfe, bringt die Stimmung auf den Punkt: «Immer sind wir das Saupack, wenn es irgendwo Puff gibt. Es wird nie differenziert über uns geschrieben.» Darum verpasste sich die Kurve einen freiwilligen Maulkorb. Das sei vielleicht ein wenig «halbparanoid», aber so sei es nun mal. Und sowieso, die «Choreos» seien für die Mannschaft. Sie werden gehütet wie ein Schatz. Denn die Piraterie ist im Kommen. Gegnerische Fans drangen schon in Fabrikhallen ein, um die Idee zu klauen und sofort eine Gegen-Choreografie zu organisieren. Und Basler Hacker raubten zuletzt auf St. Galler Computer-Festplatten einen Gag.

Gebrochene Herzen

Auch im Espenmoos gab's Highlights. Die aufwendigste Arbeit war zweifellos die detailgetreu auf Karton ausgeschnittene Altstadt, die sich über die ganze Breite des Spielfelds hinzog. «Zwei Wochenenden Arbeit für 10 bis 30 Leute», sagt Student Pascal Bruderer. «Über 600 Mannstunden gebastelt, aber es hat sich gelohnt. Die Zuschauer klatschen, und - vor allem - die Spieler sagen uns, wie sehr sie das anspornt.»

Einen eigentlichen Rolls-Royce unter den Choreografien schufen die Fans der AC Milan. Aus einem Menschenmeer entstand innert Sekunden das Dach der Scala, darunter erschien plötzlich ein leerer Bilderrahmen und aus dem Nichts Edvard Munchs «Schrei» im Mosaik von unzähligen farbigen Blättern. Genau bis ins Detail. Dazu die Gestalt im Inter-Trikot und ein Spruch: «15 Jahre ohne Sieg, die Interisti werden verrückt.» Redl, der sonst nichts sagt: «Da waren bestimmt 10 000 Leute involviert, einfach unglaublich.» Dass das Spektakel aber nicht zwingend einen Niederschlag in positiven Resultaten findet, bekamen die Basler Fans am Donnerstag zu spüren. Mutig genug waren sie wohl, gebrochene Herzen gab's aber nur in den eigenen Reihen.

Quelle:  NZZ am Sonntag, 28.11.2004

 
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