|
Die Fussball-Europameisterschaft versetzt Berge - und BürgerInnen. Selten fiel es schwerer, sich auf ein Fest zu freuen.
Eine Demonstration für kulturelle Freiräume erhält
keine Bewilligung, weil am Folgetag in derselben Stadt die
Gruppenauslosung der Euro 08 stattfindet. So geschehen in Luzern am 1.
Dezember 2007. Die Unverhohlenheit, mit der die Sicherheitsbehörden
diese Kausalität kommunizierten, und die Masslosigkeit, mit der die
Polizei bei der Auflösung der harmlosen Kundgebung vorging, beweisen
eines: Die Uefa Euro 2008™, die vom 7. bis 29. Juni in der Schweiz und
in Österreich stattfinden wird, ist ein Produkt mit schweren
Nebenwirkungen.
Der Staat zahlt, die Uefa profitiert
Nach dem Zuschlag zur Organisation des Turniers wurde
das verschärfte Bundesgesetz zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS)
durchgeboxt, das seit dem 1. Januar 2007 in Kraft ist und uns unter dem
irreführenden Titel «Hooligangesetz» eine gewaltfreie EM garantieren
soll. «Hooligans» - darunter fallen laut BWIS auch Zwölfjährige, die
einmal im Stadion eine Leuchtfackel gezündet haben - können allein
aufgrund polizeilicher Anzeigen mit Rayonverbot belegt und in der
Hooligan-Datenbank registriert werden, egal wie das Verfahren endet.
Die Unschuldsvermutung ist ausser Kraft gesetzt. «Der Widerspruch
zwischen dem Ruf nach Sicherheit und der gleichzeitigen
Gleichgültigkeit gegenüber stark wachsenden Beschränkungen der
Bürgerfreiheit ist eine schädliche Entwicklung», sagte dazu Rainer J.
Schweizer, Professor für öffentliches Recht, in der NZZ.
So sehr das Hooligangesetz durch die Euro legitimiert
wird, so wenig taugt es für diesen Anlass. Bekämpft werden in erster
Linie auffällige Fussballfans aus Schweizer Fankurven - haargenau jene
Klientel, die ihr Desinteresse an Euro und Nationalmannschaft schon
seit Jahr und Tag kundtut. Hinzu kommt, dass in den Stadien selber an
EM-Spielen seit der EM 1980 keine nennenswerten Vorkommnisse mehr zu
verzeichnen waren. EM-Fans sind keine Klubfans. Sie verstehen ein
Fussballspiel als Event und nehmen Preise ab siebzig Franken gerne in
Kauf. Die grösste Gefahr, die von ihnen ausgeht, sind Unmutsbekundungen
über zu langes Anstehen.
Richtig prekär kann es dagegen in den
Public-Viewing-Arenen werden. Während die Uefa für EM-Spiele seit
Jahren reine Sitzplatzstadien mit Sektorentrennung vorschreibt, setzt
man beim Public Viewing auf das Gegenteil: riesige Stehplatzbereiche
für Tausende von Fans ohne Trennung der beiden Lager. Wie die Polizei
mit ihrer Vorliebe für Tränengas und Gummischrot vorzugehen gedenkt,
wenn es mitten im Public Viewing kracht, war bis heute nirgends zu
lesen.
Der öffentlichen Hand entstehen durch die Euro
geschätzte 300 Millionen Franken Kosten, davon 80 Millionen für die
Sicherheit (veranschlagt waren dafür rund 4 Millionen, die das
Parlament grosszügig verzwanzigfachte). Dem gegenüber steht ein von der
Uefa kalkulierter Gewinn von rund einer Milliarde. «Diese Proportion
missfällt», hält sogar die NZZ fest.
Die Uefa denkt indes schon weiter, wie ein Gespräch mit
Martin Kallen, leitender Geschäftsführer der Euro 2008, in der
Grasshopper-Club-Zeitschrift «GC Life» zeigt: «Wie weit können
Zeitungsverleger gehen, ohne Rechte kaufen zu müssen? Nimmt man die
Berichterstattung über Fussball in den Medien genauer unter die Lupe,
stellt man fest, dass Fernsehanstalten, Internetplattformen und auch
Handyanbieter allesamt Rechte an Übertragungen bezahlen. Die Zeitungen
aber zahlen nichts. Das müsste in Zukunft anders geregelt werden.»
Schikanen und Fehlplanungen
Um die Austragung einer EM streiten sich alle vier
Jahre zahlreiche Länder. Dies stärkt die Position der Uefa. Ihre
Bedingungen werden immer dreister, ohne dass sie Gegenwehr zu
befürchten hätte. In Basel wurden die WirtInnen in der offiziellen
Fanzone am Rheinufer von der Uefa vor die Wahl gestellt: den Betrieb an
die Uefa verpachten, den Betrieb mit Uefa-lizenzierten Produkten
bestücken (bei einer täglichen Lizenzgebühr im vierstelligen Bereich)
oder den Betrieb mit Zaun von der Fanzone abtrennen. Bei aller
Sprachlosigkeit ob so viel Arroganz: Die Uefa stützt sich dabei auf
gültige Verträge, unterschrieben von Schweizer Behörden.
In Zürich führte der bevorstehende Grossanlass zu einem
städtebaulichen Hickhack, dessen Ende nicht absehbar ist. Weil die Uefa
für Europameisterschaften Stadien mit einer Mindestkapazität von 30 000
Sitzplätzen vorschreibt, wurde an Stelle des alten Hardturms ein
überdimensioniertes Fünfeck projektiert, dessen Bau durch Einsprachen
aus dem Quartier bis heute blockiert ist. In der Eile wurde darauf das
Leichtathletikstadion Letzigrund zum EM-Stadion erklärt und neu gebaut,
ebenfalls mit 30 000 Plätzen. Ausverkauft war der Letzigrund seit der
Neueröffnung im Spätsommer 2007 erst einmal: beim
Leichtathletik-Meeting. Der Fussball zog weder bei Meisterschafts- noch
bei Uefa-Cup- noch bei Länderspielen genug Leute an. Was Zürich nötig
hat, ist ein einfaches Fussballstadion für 20 000 Leute. Es braucht
wenig Wagemut, um zu behaupten: Ohne Euro 08 stünde es.
Es kommen ausländische Gäste zu uns, Zehntausende. Sie
werden durstig sein und gut gelaunt. Das sind die Vorzüge einer EM:
dass wir plötzlich mit haufenweise Rumänen oder Tschechinnen am Tisch
sitzen, Zug fahren, Bier trinken, sie sogar fragen, woher genau sie
kommen und wie es dort ist. Doch der Preis für diesen Spass ist hoch.
Zu hoch, wenn es nach einer «gelungenen» EM heisst: So machen wir das
ab jetzt immer.
Von Pascal Claude
WOZ vom 10.01.2008
|